Versteckspiel versus Denkmal
Die Chicorée-Tasche begegnet uns allen praktisch täglich. Doch nehmen wir sie vermutlich nur selten bewusst in unserem Alltag wahr. Dennoch hat diese Tasche in gewissen Kreisen Kultstatus erreicht, wohingegen sie andernorts höchst verpöhnt ist. Dieses Pro und Contra, welches sich als heutiges gesellschaftliches Phänomen um diese Tasche als gewöhnliche Massenware und Werbeträger entwickelt hat, faszinierte den Bildhauer Cäsar Balmer derart, dass er eine originalgetreue Kopie in seinem bevorzugten Material aus Holz anfertigte.
Begegnen wir nun diesem Werk zum ersten Mal, fühlen die meisten sich vermutlich äusserst verunsichert, da es auf den ersten Blick nicht offensichtlich ist, ob es sich hier um das Original der Tasche oder das Original des Künstlers handelt.
Mit seiner Arbeit hat Cäsar Balmer die Tasche aus der Masse heraus in ein neues Betrachtungszentrum gerückt und dieses als reizvolles Versteckspiel inszeniert, womit er uns Betrachter jedoch auffordert, genauer hinzusehen – auch in unserem Alltag.
Ähnlich und doch anders verhält es sich mit dem in der Stadt Luzern omnipräsenten Duo, dem Bachmann-Kaffeebecher und seiner Begleiterin, der papiernen Brötchentüte, welches für den Bildhauer Cäsar Balmer unweigerlich mit Reisen, insbesondere dem Pendelverkehr sowie dem angenehmen, guten Gefühl verbunden ist, einen Kaffee mit einem Brötchen während einer Zugsfahrt zu geniessen.
Auch hier mögen wir im ersten Moment irritiert und verblüfft sein, wenn wir die pinkfarbenen Objekte mit Signalwirkung betrachten. Zentral für den Künstler ist bei dieser Arbeit jedoch nicht das „Versteckspiel“ wie bei der Chicorée-Tasche, sondern die Idee ein „Zeitgeistdenkmal“ für den Becher sowie die Tüte zu setzen, die ein lokales, stadtluzernisches gesellschaftliches Phänomen sind, welches uns und unsere Gesellschaft ebenso prägt wie jeder andere Gebrauchsgegenstand auch. Der Künstler fragt sich somit wohl zu Recht, wie es in 10 oder 15 Jahren damit aussehen mag.
Einen sehr persönlichen Bezug hingegen hat der Künstler zu den Spielzeugen, welche beide aus den 60er Jahren stammen. Das Fisher Price Telefon, ein besonderes Geschenk seines Patenonkels aus Amerika, begleitet den Bildhauer seit diesem Ereignis immer wieder. Noch heute geht von diesem Objekt eine grosse Faszination für den Künstler aus, denn es hat ein apartes Eigenleben. Es schaut einem mit seinen Kulleraugen geradezu allerliebst und liebenswert an. Wenn es in Fahrt ist, flattern die Augen im Wind und es quietscht und grumpelt begeistert herum, so dass es eine Freude ist zuzusehen und selbst einem Erwachsenen ans Herz rühren kann.
Ebenso stammt die Giraffe Sophie aus des Bildhauers Kindheitstagen. Die Liebe und Sympathie zu diesem Objekt von ihm und seinen beiden Kindern, die einzigartige Entstehungsgeschichte (siehe Beschreibung „Es war einmal, eine ganz einfache Geschichte...“) und erstaunliche Tatsache, dass die Herstellungsweise wie das Aussehen, im Gegensatz zum Fisher Price Telefon, immer noch dieselben sind wie einst, führten zur Beschäftigung mit dem Spielzeug. Übrigens ist das kleine Wesen in der Romandie sehr viel bekannter als bei uns. Der Gründe genug, um den beiden Objekten mit persönlichem Kultstatus je ein kleines, gewichtiges Denkmal zu setzen!
Obwohl bei beiden Objekten der besondere persönliche Bezug sowie deren Geschichten Beweggrund für die Arbeiten war, ist hervorzuheben, dass die Umsetzung eine rein technische Angelegenheit war. Denn es ging ums Vermessen und planmässige Vergrössern der Gegenstände. Wichtig war und ist dem Bildhauer Cäsar Balmer, ein Ebenbild im Sinne eines Denkmales zu erschaffen, zumal in diesen Spielzeugen zwei Welten aufeinanderprallen: Werte, welche sich im Laufe der Zeit verändern wie beim Telefon und Werte welche sich seit ihrer Entstehung erhalten haben und dies vermutlich auch zukünftig tun.
Stella Pfeiffer

Das Leben als Kunstwerk
Das Haus mit ebenerdigem Atelier liegt in einer verwinkelten Strasse. Wer die Tür öffnet, tritt ein in eine andere Welt: Ein wundersames, verspieltes Leben springt einem an. Aus der kleinsten Nische lugt ein Objekt neugierig hervor, an jeder Ecke wartet eine Überraschung. Hier macht die Kreativität nicht Halt an der Türschwelle, dieses Haus und seine Bewohner sind für sich selbst ein Kunstwerk. ??
Der Luzerner Künstler Cäsar Balmer ist Bildhauer im weitesten Sinne. Seine Objekte und Figuren sind grösstenteils aus Holz gefertigt. Je nachdem setzt Balmer seine Ideen aber auch mit Zement, Papiermaché, Lehm oder andere Materialien um. Es wird geschliffen, gehämmert, gehobelt, gegossen, geknetet. Mal greift Balmer zur Motorsäge, dann wieder zum feinsten Schleifpapier.
Als Inspiration für seine Arbeiten dienen dem Künstler Gegenstände aus seinem Umfeld. Ein Radiator. Ein ausgestopftes Hündchen. Eine Autogarage. Die Nachbildung bleibt immer realistisch, ist oft täuschend echt. Genau diese kleinen Unterschiede sind es, die den Betrachtenden irritieren und dazu verleiten, genauer hinzuschauen. Mit seinem Schaffen setzt Balmer den Dingen, die im Alltag als selbstverständlich genommen werden, ein Denkmal. Witzig, subtil und nicht selten ironisch.
Christine Weber, Wort & Ohr

Den Alltag neu entdecken
Sieht das hübsche Mädchen etwa aus, als wäre an ihr gesägt, gehobelt, geschliffen worden? Eben. Das ist der subtilen Kunst des Bildhauers Cäsar Calmer, 45, aus Luzern zu verdanken. Mit viel Gespür für sein bevorzugtes Material Holz schafft der Künstler verspielte Figuren und Objekte. Die Inspiration dafür findet der Luzerner in seinem Umfeld. Weit sucht er nicht. Bis zum Radiator. Oder zu einem kleinen Hund. Einer Autogarage. Die täuschend echten Nachbildungen zeigen Dinge aus unserem Alltag, die unserer Wahrnehmung längst entschlüpft sind. Und verleiten gerade deshalb zum genaueren Hinschauen. Und zum Schmunzeln.
Schweizer Illustrierte

Ein Spiel mit auffällig Unauffälligem
Seine Kunstwerke sind oft nicht von Alltagsgegenständen zu unterscheiden. Oder aber: sie sind so aufdringlich, dass man ihre Geschichte hören will. Wie eine Bühne mit Hauptprotagonisten und Nebendarstellern, die erst auf den zweiten oder dritten Blick ein Gesicht bekommen - so präsentiert sich die Ausstellung «Skulpturen & Objekte - das Leben als Kunstwerk» von Cäsar Balmer. Die Skulpturen aus Kunststein, Holz, Papiermache oder Gips sind zum Teil so verschmolzen mit ihrer Umgebung, dass man ihr künstliches Dasein erst bei genauerer Betrachtung erkennt.
Balmer ist fasziniert davon, seine Kunstobjekte so zu gestalten, als wären sie tatsächlich Teil der Umgebung. So lässt er beispielsweise einen täuschend echt aussehenden Radiator aus Eichenholz an der Wand anbringen oder macht sich einen Spass daraus, auf Besuch bei Freunden hölzerne WC-Papierrollen in die Vorratspackung zu schmuggeln. Von diesem Spiel mit Auffälligkeiten und Unauffälligkeiten lebt die Ausstellung im Kunstwerkraum Winterthur.
Es sind jedoch vor allem auch Balmers Geschichten zu den einzelnen Objekten, die dieselben zum Leben erwecken. Die beiden grössten Geschichten, sagt er, sind seine Töchter Céleste und Josephine. Nach ihnen hat der gelernte Steinbildhauer auch zwei Kunstwerke gemeisselt, beziehungsweise geschnitzt. Doch wie auf der Preisliste zu erkennen ist, sind diese Skulpturen in Privatbesitz und deshalb unverkäuflich.
Nicht so das wohl auffälligste Objekt der Ausstellung: Ein rotes Pferd in Lebensgrösse, angefertigt aus Papiermache und Epoxy. Die Skulptur birgt in sich Balmers Familienchronik der letzten paar Jahre. Es erzählt vom Entstehungsprozess seines Hauses in Luzern und vom Zusammenwachsen der einzelnen Familienmitglieder. Vom halbfertigen Gebilde zu einem Ganzen, das jetzt in energischer Farbe und Pracht dasteht. Dieses Sinnbild für Entwicklung und Fortschritt als Höhepunkt der Ausstellung zu definieren, wäre jedoch nicht gerechtfertigt. Ins Auge sticht beinahe im wahrsten Sinn des Wortes - das Kunstwerk «Paula». Paula sind zehn Büsten desselben Mädchens, die sich dadurch unterscheiden, dass ihnen unterschiedliche Oberteile aufgemalt worden sind und ihre Augen in unterschiedliche Richtungen blicken. Wo der Betrachter auch steht, die Augen eines Mädchens folgen, während die restlichen neun in eine andre Richtung blicken. Balmer hat für die Büsten mit der Abgusstechnik gearbeitet. Inspiriert hat ihn, wie er sagt, die Wirtschaft und die dort häufig vorherrschende Massenproduktion.
Magdalena Ostojic, Landbote Winterthur